Windsbacher Knabenchor: Not macht erfinderisch – Windsbach 2.0 Drucken

Mit Corona hat bei dem VDKC-Mitgliedschor das digitale Zeitalter begonnen

Thumbnail imageWas hat ein Chor, der nicht singen darf? Ein Problem. Und das ist umso größer, je besser das Ensemble ist, denn eine Qualität zu erreichen ist die eine Sache – sie zu halten die andere (und sicherlich mindestens ebenso schwer). Corona stellte und stellt die Musikwelt vor unglaublich große Herausforderungen. Auch die Windsbacher. Hier löste man sich allerdings recht schnell aus der Schockstarre, in die einen der erste Lockdown versetzt hatte und sah ein, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Man macht gar nichts oder versucht, alternative Formate der Chorarbeit und das Nachwuchsakquise zu finden.

Als im März 2020 der erste Lockdown verhängt und das Sängerinternat geschlossen wurde, war klar, dass man in Windsbach unbedingt Kontakt zu den Jungs daheim halten wollte. Dass bei den älteren Knabenstimmen ohne chorische Begleitung der Stimmbruch früher einsetzt und der Nachwuchs es ohne gemeinsames Singen schwer hat, seinen Weg in den Chor zu finden, sind Probleme, die sich nicht via Internet lösen lassen. Alle anderen schon. Irgendwie eben: „Online-Proben bringen einen künstlerisch nicht weiter“, weiß Chorleiter Martin Lehmann, "aber sie können helfen, den sozialen Kitt zu stärken, ohne den eine Chorarbeit wie in Windsbach eben nicht möglich wäre."

Also dann eben doch: Proben via Zoom. In Online-Seminaren bildeten sich die Verantwortlichen weiter und eigneten sich so die Fähigkeiten an, die chorische Arbeit ins Internet zu verlegen. Natürlich mit allen Knackpunkten: „Wir haben letztendlich keine Hörkontrolle“, berichtet Chorassistent Alexander Rebetge: „Zusammen singen funktioniert nicht, da es zeitliche Verzögerungen gibt und die Netzqualität verschieden ist. Man kann höchstens mal einen einzigen Ton zusammen singen.“

Da war es schon ein großes Geschenk, dass das Internat zwischen den Lockdowns öffnen und man in kleinen Gruppen auch wieder singen durfte. Rebetge berichtet davon, dass man hier allerdings erst mal „die Trümmer wegräumen“ musste, um zu sehen, was noch – und wieder – an chorischer Arbeit möglich war. Dass die Windsbacher recht gut durch diesen ersten Lockdown kamen, sieht Lehmanns Assistent vor allem darin begründet, dass man neben zahlreichen stabilen Stimmen auch eine „starke Truppe“ habe, die wisse, warum sie in Windsbach sei und worauf es ankomme. Dass und wie das gelingen kann, beweisen zwei auch heute noch im Internet abrufbare Streaming-Konzerte, die die Windsbacher in der Weihnachtszeit für ein virtuelles Publikum gesungen haben: ergreifend, mit bemerkenswerter Akkuratesse – und zwei Metern Abstand zwischen jedem Sänger.

Um sich von den schlechten Nachrichten, die einen täglich über Corona erreichen, nicht entmutigen zu lassen, blickt Alexander Rebetge lieber auf das, was man aus den Erfahrungen mit der Pandemie mitnehmen kann. Und vielleicht auch, was der Ausnahmezustand möglich gemacht hat: Die bessere mediale Anbindung und Ausstattung hat dazu geführt, dass Windsbach seine Medienbibliothek aktualisiert hat. Außerdem will man die während des ersten Lockdowns entwickelte Lernplattform ausbauen. Hier versorgt man die Jungs theoretisch wie praktisch mit musikalischen Tipps, Übungen und Informationen zum Blattsingen, zum Repertoire und schafft Möglichkeiten, sich eigene Chorpartie auch ohne Gesamtchor anzueignen.

Neben der Arbeit mit den aktiven Sängern ist aber für jeden Knabenchor das Thema Nachwuchs von großer Bedeutung. Immerhin verliert der Chor in jedem Jahr mit dem Abiturjahrgang die ältesten und erfahrensten Sänger. Daher muss „unten“ immer wieder für ausreichend Nachwuchs gesorgt werden. In Corona-Zeiten fällt der Musikunterricht und das Singen an den Grundschulen seit Monaten vollständig flach, und damit verbunden auch die Sichtung von jungen Talenten durch regelmäßige Schulbesuche des Windsbacher Nachwuchs-Scouts, Bernd Lang. 

So entstand die Idee, den Musikpädagogen während des Homeschoolings per Video auftreten zu lassen. Primäres Ziel ist es, den Grundschulen nutzbaren Content zum Thema Singen und Musik anzubieten, mit dem sie ihr Online-Lernangebot sinnvoll ergänzen können. Eine Serie von kurzen und kindgerechten Tutorials im Youtube-Stil ist nun in Arbeit. Sie vermittelt Kindern auf sehr spielerische Art die Basics des Singens und soll vor allem die Lust daran und den Spaß an der eigenen Stimme wecken bzw., aufrechterhalten, solange kein gemeinsames Singen im Unterricht möglich ist.

Den Auftakt machte die Aktion „Sing mit“, die sehr gut angenommen wurde. Sie beinhaltet eine Challenge, die den Gemeinschaftsgedanken während der Zeit außerhalb des Klassenverbandes stärken soll: Unter allen Einsendern des Kanons „Bruder Jakob“ wird ein Preis für die Klassenkasse verlost.

Die Krise bietet eben auch kreativen Spielraum und Chancen, eingetretene Pfade zu verlassen. Diese Erfahrungen werden sicherlich auch in Zukunft in die Arbeit mit dem aktiven Chor und in die Nachwuchs-Suche einfließen.

Jan-Geert Wolff
01.03.2021